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Jedes Jahr wurde in Schlesien am Sonntag
Lätare, dem 3. Sonntag vor Ostern, der
Brauch des Sommersingens durchgeführt.
Wie alt dieser Brauch ist, verrät schon
der Name. Er stammt aus der Zeit, als
man das Jahr in zwei Hälften teilte:
Sommer und Winter. Auch an den Liedern
die gesungen wurden und heute noch gesungen
werden kann man das sehr hohe Alter
des Brauches erkennen, der um das Jahr
1000 entstanden.
Dieser Brauch wird heute noch von
Nord bis Süd in sehr vielen Volkstanz-
und Trachtengruppen aufrecht erhalten.
Beispiele dafür geben die Trachtengruppe
in Herne, die Riesengebirgs-Trachtengruppe
in München, der Trachten-Tanzkreis
DJONATHAN in Neuss, und der Bund der
Vertriebenen in Wülfrath bei Düsseldorf.
Das wichtigste beim schlesischen
Sommersingen ist der Sommerstecken,
der auch Sommerbäumel, Summerwadel
oder Mai genannt wurde. Der Sommerstecken,
mit bunten Papierblumen geschmückte
Gerten, waren in vielen Formen und
Ausführungen üblich geworden. Darüber
hinaus gab es aber auch Sommerbäumel,
die noch die immergrüne Unterlage
(Fichte, Wachholder, Tanne) hatten.
Die Ackerebene in Schlesien, in der
der Wald selten war, förderte diesen
Formenreichtum. Manchmal war auch
der Buchsbaum aus dem Bauerngarten
als Immergrün in den Stecken. In Oberschlesien
bis in Kuhländchen hinein wurden -
Moläer - Maleier zum Verzieren benutzt.
Diese Maleier sind einfarbig eingefärbte
Eier – schwarz oder dunkelrot – in
die Pflanzenranken und Blumen eingekratzt
werden. Zum Kratzen brauchte man ein
sehr scharfes oder spitzes Instrument.
Früher benutzte man alte Rasiermesser
dazu. Mit diesen Stecken gingen die
Kinder von Haus zu Haus „summern“,
sangen ihre „Heischeversel“ (Lieder),
die Papierbänder wehten durch den
Wind und so zogen sie mit den
erhaltenen Gaben weiter. Man beschenkte
sie mit Eiern, Süßigkeiten, Obst und
vor allem den für das Sommersingen
typischen Schaumbrezeln, auch Beegla
genannt, jeder gab nach seinem Vermögen,
beim Fleischer gabs ein Stück Wurst.
Sie sangen die unterschiedlichsten
Versel. In „Silesia cantat“ sind die
gebräuchlichsten Liedchen abgedruckt.
Es gab aber viele Variationen und
das Lied wurde oft dem Hause angepasst.
Zu den „ruten Riesla“ gibt es noch
die Ergänzungen: „Die Frau, die geht
im Hause rum, sie hat ne weiße Schürze
um, ne Schürze mit ner krause, sie
ist die Schönste im Hause. Ne Schürze
mit num Bande, sie ist die Schönste
im Lande.“ Und dann noch: „Ne Schürze
mit nem Luche, sie brummt die ganze
Wuche.“ Auch der Herr bekam seine
„Revermande“: Der Herr, der hat ein
hohen Hut, es sind ihm alle Mädel
gut, die dünnen und die dicken, die
möchten sich erdrücken, die kleinen
und die großen, die möchten sich erstoßen.“
Wo es nichts gab, wurden besondere
Reime gefunden: „Hihnermist und Taubamist,
ei dem Hause kriegt ma nischt. Is
das nich ne Schande. Ei dam ganza
Lande!“ Aus Östreich-Schlesien kommt
das Versel: „Fladerwisch und Ziegenhät’,
ei dam Haus sein geizge Leut.“ Die
Allerkleinsten der Gruppe in Herne
singen folgende Liedchen: „Ich bin
a klee Pinkerla, steck ei am Winkerla,
wer mich will sahn, muß mer woas gahn!“
In Bonn wurde dieser Brauch nach der
Vertreibung im März 1958 wieder aufgenommen,
in Neuss zieht man ebenso seit vielen
Jahren von Haus zu Haus. Da der Kreis
der so besuchten Landsleute immer größer
wurde und es kaum an einem Tag zu schaffen
war, ging man in Neuss vor einigen Jahren
dazu über die Veranstaltung in einem
Saal abzuhalten. In München singen heute
die Kinder in schlesischer Tracht vor
dem Rathaus nach dem Glockenspiel vom
Rathausturm für die zahlreichen Münchner
und Touristen. In Wülfrath hingegen
ziehen die Kinder seit über 20 Jahren
die Innenstadt. Hier schmücken die Geschäftsleute
ihre Schaufenster mit bunten Sommerstecken,
Plakaten und Großfotos der jeweiligen
Stadt aus der der Sommerstecken kommt.
Die Kinder singen vor den Geschäften
die alten Heischelieder wie „Rot gewand,
rot Gewand, Schöne grüne Linden!
Suchen wir, suchen wir, wo wir etwas
finden! Gehen wir in den grünen Wald,
Singen die Vögel jung und alt: Frau
Wirtin sind sie drinne, Sind sie drinne,
komm’n sie raus und teilen Sie uns die
Gaben aus.“ Und erhalten dafür ihre
Gaben, die sie nach altem Brauch in
ihrem weißen Leinensäckel sammeln. Den
Bürgern gefällt dieser frohe Gesang
der Kinderschar und viele ältere Schlesier
schließen sich mit ihren Enkeln an.
An die selbstgebastelten, reich verzierten
Sommerstecken hatte man Schilder mit
den großen schlesischen Ortsnamen
angebracht: „Breslau, Liegnitz, Waldenburg...“,
so hat jeder Ort seinen eigenen Sommerstecken.
Michael Ferber
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