
Mamas rosa Schlüpfer
Dieser Fünfjährige ist ein Muttersöhnchen.
Vom Kuchenteig für Papas Frontpäckchen
darf er schlecken, sich auf Schaukel und
Schaukelpferd vergnügen. Auf Heimaturlaub
erzählt der Vater von Partisanen. Und
daß die an Telegrafenmasten baumeln
müssen, einer wie der andere.Das Morden
an der Ostfront erlebt der Knirps als „Gewitterkucken“
am abendlichen Horizont. Noch steckt der
älteste Bruder auf der Landkarte den
Frontverlauf mit Hakenkreuzfähnchen
ab, sammelt Unterschriften seiner Kriegshelden
und Bombensplitter als Andenken. Doch das
Unheil bricht herein.
Kurz nach Beginn der Sommerferien hatte
eine russische RATA am helllichten Tag den
Güterbahnhof mit Bordwaffen und zwei
Bomben angegriffen. Die Entwarnungssirene
hatte sich ausgejault. Die Luftschutzkeller
leerten sich wieder. Der Alltag nahm die
Menschen mit Verpflichtungen und kleinen
Vergnügungen in seinen erlösenden
Griff. Roland und Hans liefen zum nahen
Güterbahnhof. An Ort und Stelle mussten
sie sich ein Bild davon zu machen, was die
Bomben angerichtet hatten. Der eigentliche
Grund, weshalb sie sich möglichst sofort
nach der Entwarnung auf den Weg machten,
war das Hobby Splittersammeln. Eine Bombe
war zwanzig Meter neben den Gleisen in einer
Wiese explodiert. Der Krater war glatt drei
Meter tief und bestimmt fünf Meter
breit. Die zweite Bombe ein Volltreffer
in eine Weiche. Absonderliches Wirrwarr
aufgebogener Schienen. Die Jungen konnten
sich gar nicht satt sehen.
Bald darauf war schon der erste Bombensplitter
gefunden. Er war noch heiß und Roland
hielt ihn zwischen zwei Holzresten einer
zerfetzten Gleisschwelle. "Mindestens
zwei Kilo!", rief er zuerst den anderen
Splittersuchern und dann noch einmal den
Männern vom Luftschutz entgegen. Er
freute sich darauf, seine Beute zu Hause
auf die Waage legen zu können. Mit
diesem Stahlbrocken malte er sich gute Chancen
aus, den Rekord vom Nachbarjungen Franzl
Just brechen zu können. Andere Sucher
konnten mit ihren Taschenmessern nur noch
einige kleinere Splitter von Handtellergröße
aus nahe stehenden Pappeln herausschneiden.
Splitterausstellung nach dem Abendessen.
Um Mamas Tischdecke zu schonen, auf den
ausgebreiteten Seiten des Tageblatts. "Ab
heute heißt du Hansärrnärrdärr
Särrkus und ich Rülpsland Läsit
Tenger." Roland sagte es in einem plötzlichen
Aufwallen von guter Laune zu Hans, nachdem
die Küchenwaage ihn überzeugt
hatte, dass er jetzt endlich den Splitterrekord
von Franzl Just gebrochen hatte.
"Und die Kleen?",
wollte Hans wissen.
"Die heißen Mill und Jank".
"Wiesoweshalbwarum?"
"Na, Roland ist Rülpsland. Hans
ist Hansärrnärrdärr Särrkus.
Wolfgang ist Jank und Joachiml ist Mill.
Is doch klar."
Die Mutter schüttelte den Kopf über
den blühenden Blödsinn. Doch beim
Kartoffelschälen huschte über
ihr Gesicht ein leichtes Lächeln. Außerdem
sei heute sein Splitterrekordtag und das
müsse schließlich gefeiert werden,
gab Roland als Ältester seinen jüngeren
Brüdern zu bedenken. Auf das neidische
Gesicht vom Just freute er sich jetzt schon.
Die Mutter flieht mit ihren vier Jungen
vor der Ostfront. Das Fluchtziel, ein idyllisch
geglaubtes Dörfchen in Brandenburg,
ist selbst schon Kampfzone geworden. Der
Junge weiß nicht und fragt nicht,
warum diese fremden Soldaten in sein Land
gekommen sind. Sie haben wunderschöne
Lieder, beschenken ihn. Rauben und vergewaltigen
aber auch. Er sieht alles und versteht nichts……
Die Angst der Frauen vor den russischen
Besatzern, der alltägliche Kampf ums
Überleben, Geschichten um Magermilch,
Muckefuck und Kernseife - unglaublich klingt
vieles davon heute. Der Autor hat das wirklich
erlebt und er versteht es, frisch, prägnant
und athmosphärisch dicht zu erzählen.
Zum Autor:
Der Autor wurde 1939 in Oppeln / Oberschlesien,
dem heutigen Opole geboren. Als Fünfjähriger
erlebt er die Flucht vor der herannahenden
Ostfront, die ihn und seine Familie in der
scheinbaren Idylle eines brandenburgischen
Dorfes überrollt. Im Jahr der Berlinblockade
1948 gelingt der Mutter mit den Söhnen
die lebensgefährliche Flucht aus der
russisch besetzten Zone mit einem Fluchthelfer
in den Westen. Nach dem Abitur in Coburg
folgten Studium und pädagogische Berufstätigkeit.
Seit 1969 ist Ebermannstadt seine Heimat.
Das Buch, er nennt es Roman in Episoden,
legt man so schnell nicht wieder aus der
Hand. (...) "Mamas rosa Schlüpfer"
fesselt durch seine kraftvolle Sprache und
ist irgendwie erfrischend anders. Mehr verrate
ich nicht. Den Roman gibt es in jeder guten
Buchhandlung für 17,80 €. Prädikat
wertvoll!
Kortner, Joachim:
Mamas rosa Schlüpfer
Roman in Episoden
EUR 17,80
2006, PB/276 S.
ISBN: 978-3-8334-5381-6
23.05.2007
Michael Ferber

|