
Dieser besonders für die Schlesier wichtige
Gedenktag an den deutschen Abstimmungssieg in
Oberschlesien steht im Zeichen der bitteren Erinnerung
an das Unrecht, das uns und dem ganzen deutschen
Volke in der Vergangenheit zugefügt wurde
– und im Zeichen einer bitteren Gegenwart,
in der zum Entsetzen jedes Vertriebenen und vieler
national denkender Deutschen jene Verträge
mit Moskau und Warschau geschlossen wurden, die
jenes Unrecht von damals in viel größerem
Umfange unterstreichen und aus vorläufigen
Demarkationslinien festliegende Grenzen machten.
Damals wie heute ist das Selbstbestimmungsrecht
auf das gröbste missachtet worden. Damals
ein Höchstmaß politischer Verleumdung,
von Rechtsbeugung, Entstellung von Tatsachen,
Lügen und selbstherrlichen Ansprüchen
– heute dieselben Methoden, untermalt mit
konstruierten moralischen Aspekten, aber weit
davon entfernt, Selbstbestimmungsrecht und Heimatrecht
auch nur im geringsten zu respektieren.
„Unwissenheit, Bosheit und Lüge waren
schuld, dass über Oberschlesien der Fluch
einer Volksabstimmung verhängt worden ist.
Längst haben die Urheber des unseligen Spruches
erkannt, dass sie bei ihren Beratungen in Versailles
getäuscht worden sind und dass den Polen
nicht das mindeste Recht auf dieses kostbare Land
zusteht.“
Hundert Jahre nach den Napoleonischen Kriegen
wurde die Welt von einem neuen Krieg heimgesucht.
Zum Glück wurde Schlesien nicht zum Schauplatz
der Kriegsverhandlungen 1914-18. Nichtsdestoweniger
kämpften viele Schlesier an verschiedenen
Fronten und in verschiedenen Armeen gegeneinander.
Niemand wusste damals wie die Zukunft Schlesiens
nach dem Krieg und Zerfall der Imperien aussehen
wird. Erste Bestrebungen eines polnischen Nationalismus,
der auf eine Abtrennung Oberschlesiens vom Deutschen
Reich zielt, gibt es bereits seit der Jahrhundertwende.
In dieser Zeit wanderten weit über 70.000
Polen in das oberschlesische Industriegebiet ein,
zumeist als billige Arbeitskräfte. In Wirklichkeit
begann der Kampf um Oberschlesien bereits an jenem
Revolutionstage im November 1918, als von Warschau
gelenkt und von den Abgeordneten der polnischen
Minderheit im Deutschen Reichstag, dem berüchtigten
Wojciech Korfanty, geführt – die Polenfreunde
die innenpolitische Unsicherheit für ihre
Ziele auszunutzen versuchten. Und ihre Ziele gipfelten
in der Gewinnung Oberschlesiens für Polen.
Es gründen sich zahlreiche Vereine, die,
unterstützt von einer sich herausbildenden
polnischen Oberschicht, für die polnisch
– nationale Idee werben. Im Mai 1919 eröffnet
Frankreich während der Versailler Vertragsverhandlungen
Deutschland seine Friedensbedingungen: „Polen
erhält ganz Oberschlesien mit einigen Gebieten
Mittelschlesiens, die Provinz Posen und Teile
von Westpreußen mit Danzig sowie von der
Provinz Ostpreußen den Kreis Soldau“.
Der südliche Teil des Kreises Ratibor, das
Hultschiner Ländchen, mit 316 qkm und 49.000
Einwohnern wurde an die Tschechoslowakei abgetreten.
Aber dem 1919 unterzeichneten Versailler Vertrag
gemäß, sollte über den Verlauf
der polnisch – deutschen Staatsgrenze in
Oberschlesien eine Abstimmung entscheiden.
Schon damals setzte ihre Agitation für den
Anschluss Oberschlesiens an Polen ein. Um vor
der beabsichtigten Abstimmung vollendete Tatsachen
zu schaffen, wird am 16. August 1919 der „polnische
Aufstand“ ausgerufen. Nach dessen blutiger
Niederschlagung durch die deutsche Reichswehr
wird die Verwaltungsmacht in Oberschlesien der
„Interalliierten Kommission für Regierung
und Abstimmung“ übertragen. Die Reichswehr
muß Oberschlesien räumen, die Polizei
wird in Abstimmungspolizei umgruppiert und das
Land wird vom übrigen Reichsgebiet abgeriegelt.
Nach dem der Versailler Friedensvertrag am 10.
Januar 1920 in Kraft getreten war, trafen bereits
am 27. Januar 1920 in Oberschlesien die ersten
französischen Besatzungstruppen ein, insgesamt
13.000 Soldaten. Es folgten die Italiener mit
2.000 Mann und etwa 1.000 Engländer, die
in ihrer Mehrheit erst Anfang 1921 kamen, als
sich die Lage beim dritten polnischen Aufstand
zugespitzt hatte.
In seinen Aufzeichnungen schreibt Bundesminister
a. D., Dr. Erich Mende (+), das auch in seiner
Schule, in Groß Strehlitz, zwei Kompanien
französischer Alpenjäger in den acht
Schulklassen einquartiert wurden. Auf die Fragen,
warum man in das „Flachland Oberschlesien“
Alpenjäger entsandt hätte, erklärten
die Franzosen, das ergäbe sich aus dem Namen
Haute Silésie. Denn natürlich war
man in Paris der Meinung, es müsste in einem
Land, das sich Oberschlesien nenne, auch hohe
Berge geben. Die Franzosen fühlten sich keineswegs
sicher in der Schule. Sie verbarrikadierten am
Abend alle Eingänge. Die Bauernburschen,
die nachts in den Pferdeställen die Offizierspferde
losbanden und sie durch die Straßen galoppieren
ließen, taten noch ein übriges, die
panische Angst zu vermehren. Es gab allerdings
in einigen Orten auch größere Überfälle
und Sprengstoffattentate, besonders im oberschlesischen
Industriegebiet. Denn die deutschen Selbstschutzkämpfer
waren empört, weil die Franzosen so offensichtlich
die polnische Seite unterstützten. Die Italiener
verhielten sich im Gegensatz zu den Franzosen
gegenüber den Deutschen ausgesprochen freundlich.
Den Schulkindern gegenüber aber waren die
Franzosen sehr zugetan.
Organisierte Massenproteste veranlassten die
Siegermächte zur Durchführung einer
Volksabstimmung in Oberschlesien über dessen
staatliche Zukunft. Der Abstimmungskampf ging
um die Jahreswende 1920 / 21 auch auf deutscher
Seite einem Höhepunkt entgegen. In Reaktion
auf die Versailler Forderungen und die polnischen
Annexionsansprüche gründete sich der
„Verband heimattreuer Oberschlesier“,
der mehr als 1.000 Ortsgruppen und über 10.000
Vertrauensleute in allen Dörfern und Städten
umfasste. Sein Zentrum lag in Oppeln. In Breslau
gründete sich ein Verband, der sich besonders
der Erfassung aller in Oberschlesien Geborenen
im ganzen Reich widmete, da diese nach dem Abstimmungsstatut
am 20. März 1921 ihre Stimme am Ort ihrer
Geburt abgeben konnten. Ihr Bahntransport zur
Abstimmung in Sonderzügen mussten organisiert
werden. Vor der Abstimmung führte man genau
wie heute ein starken Wahlkampf durch. Auf den
Kundgebungen verteilten die Kinder schwarzrotgoldene
und schwarzweißrote Fähnchen unter
den Zuhörern. Zwar waren die Farben der Weimarer
Republik schwarzrotgold, so wurden sie auch aus
Oppeln angeliefert. Doch schwarzweißrote
Fähnchen, zum Teil mit dem eisernen Kreuz
versehen, überwogen bei weitem. Sie sollten
vor allem an die Frontkameradschaft der Deutschen
im Ersten Weltkrieg erinnern, in dem sich die
oberschlesischen Soldaten durch besondere Tapferkeit
vielfach bewährt hatten. Die deutschen Parolen
lauteten: „Gebet der Heimat, Oberschlesien
bleibe deutsch!“, „Deutschland ist
unser Vaterland, Oberschlesien unsere Heimat!“
, „Deutschland unsere Muttererde, Oberschlesier
sind wir Heimattreu!“
In besonderer Weise engagierten sich natürlich
die Lehrer an allen Orten für Deutschland,
in vielen Fällen auch die katholischen und
evangelischen Pfarrer. Manche von ihnen mussten
unter Todesdrohungen ihre Pfarreien verlassen
und flüchten. Denn die polnische Propaganda
hatte es besonders darauf angelegt, einen Keil
zwischen die Katholiken Oberschlesiens und das
überwiegend protestantische Preußen
zu treiben. Selbst die „Mutter Gottes von
Tschenstochau“ wurde von der Korfanty-Propaganda
der polnischen Agitatoren eingesetzt.
Und dann kam doch endlich der lang ersehnte
Tag der Abstimmung am 20. März 1921, von
dem sich die so lang terrorisierte Bevölkerung
Oberschlesiens ein Ende der langen Leidenszeit
erhoffte. Die oberschlesischen Menschen rüsteten
sich zur Wahl, die abstimmungsberechtigten Oberschlesier
aus dem Reich trafen in Sonderzügen ein –
nicht selten in ihren Heimatorten schwer bedroht
von den Polen. Es war eine der bemerkenswertesten
Leistungen des deutschen Plebiszitkommissariats,
unter all den schwierigen Umständen nicht
weniger als 170.000 Abstimmungsberechtigte aus
ganz Deutschland, aus Europa und sogar Übersee
die Teilnahme an der Wahl zu ermöglichen.
Endlich, am Abend des sonnigen Frühlingssonntags,
20. März 1921, viel die Entscheidung. Bei
einer Wahlbeteiligung von 98 % stand der deutsche
Wahlsieg fest: 717.122* hatten für Deutschland,
483.514* für Polen gestimmt, also 60% für
den Verbleib Oberschlesiens beim Deutschen Reich,
für die Abtretung an Polen nur 40 %. Bei
der Analyse des Ergebnisses stellte sich heraus,
dass 42% der Oberschlesier, die polnisch als Muttersprache
angaben, dennoch für Deutschland gestimmt
hatten, ein Beweis dafür, dass die Sprachenfrage
in einem Grenzland nicht unbedingt auch für
die Nationalität steht. Bis auf eine einzige
Stadt, Altberun, hatten alle Städte deutsche
Mehrheiten, besonders die Industriestädte
Gleiwitz, Beuthen, Hindenburg, Kattowitz und Tarnowitz.
Nur die Kreise Pleß, Rybnik und der Kreis
Tarnowitz zeigten eine polnische Stimmenmehrheit.
Der deutsche Plebiszitkommissar Dr. Urbanek erließ
von Oppeln aus einen Aufruf, in dem es versöhnlich
hieß: „Der Sieg ist unser, es lebe
das einige, unteilbare Oberschlesien, der Bruderkampf
ist zu Ende!“
Schlesien und Deutschland atmeten auf, denn die
Lüge vom polnischen Charakter Oberschlesiens
war damit endgültig zerschlagen und eindeutig
widerlegt! Dem war jedoch nicht so, der polnische
Terror fing nun erst richtig an. Unter dem Eindruck
dieser vernichtenden Niederlage brach in der Nacht
zum 3. Mai 1921, dem polnischen Nationalfeiertag,
der dritte und blutigste polnische Aufstand aus.
Er führte zu einem Rachefeldzug gegenüber
allen, die sich zu Deutschland bekannt hatten.
Viele die sich im Verband der Heimattreuen Oberschlesier
besonders engagiert hatten mussten querfeldein
in das dreißig Kilometer entfernte Oppeln,
später nach Breslau, flüchten.
Am 15. Juli 1921 beschwor Gerhart Hauptmann als
Hauptsprecher einer Kundgebung der Parteien des
Reichstages in der Berliner Philharmonie unter
der Leitung des Theologen Prof. Adolf von Harnack
den Alliierten Rat, die Volksabstimmung nicht
zu missachten und Oberschlesien zu teilen. Dies
würde zu einem neuen Weltbrand führen,
der schlimmer werden könnte als der Weltkrieg
den wir gerade hinter uns hätten. Alle Warnungen
und Mahnungen blieben vergebens!
Da sich die Franzosen, Engländer und Italiener
über die Behandlung Oberschlesiens nicht
einigen konnten, trat am 12. August 1921 der Oberste
Rat des Völkerbundes zusammen. Am 1. September
1921 wurde eine Kommission aus einem Belgier,
einem Brasilianer, einem Chinesen und einem Spanier
gebildet, die die Grenzen Oberschlesiens festsetzen
sollten. Keiner der Beteiligten hatte jemals oberschlesischen
Boden betreten und sich an Ort und Stelle über
die Verhältnisse informiert. Am 20. Oktober
1921 wurde ein von der Kommission festgelegter
Teilungsplan bekannt gegeben.
Von Oberschlesien wurden 32.139 qkm mit 830.000
Einwohnern Polen zugeteilt. Von 63 Steinkohlegruben
erhielten die Polen 51, von 19 Zink- und Bleigruben
15, von 37 Hochöfen 22, von 18 Stahl- und
Walzwerken 9, ferner sämtliche Eisenerzgruben
und alle Zinkhütten, damit den größten
Teil des oberschlesischen Industriepotentials.
Aus dem abgetrennten Oberschlesien flüchteten
120.000 Menschen.
Am 30. Mai 1922 behandelte der Deutsche Reichstag
die Teilung durch den Völkerbund. Der Abgeordnete
Szezeponik erklärte namens der Deutschen
im abgetrennten Gebiet: „Im Namen der Deutschen
Oberschlesiens habe ich Ihnen einige Worte des
Abschieds zu sagen. Wir haben aus Vaterlandsliebe
und Rechtssinn für Deutschland zugestimmt.
Der Völkerbundsrat hat den Willen der deutschen
Mehrheit missachtet und den lebendigen Organismus
Oberschlesiens zerrissen. Über 400.000 deutschfühlende
Bewohner werden durch eine willkürlich gezogene
Grenze zu polnischen Staatsbürgern gemacht.“
Für die Zentrumsfraktion sprach Prälat
Ulitzka. Er rief aus: „Die Entscheidung
über Oberschlesien ist und bleibt juristisch
ein Rechtsbruch, politisch eine Torheit und wirtschaftlich
ein Verbrechen!“
Nach dem Schiedsspruch des Völkerbundrates
wurde das verbleibende Gebiet am 12. Juli 1922
zwischen Deutschland und Polen geteilt: Deutschland
behielt West-Oberschlesien mit 9.700 qkm und 1.299.000
Einwohnern und musste an Polen abtreten Ost-Oberschlesien
mit 3.214 qkm und 980.000 Einwohnern.
Das Unrecht von 1921 nahm seinen verhängnisvollen
Lauf und mündete in das neue und größere
Unrecht vom 1. 9. 1939. Die oberschlesische Abstimmung
vom 20. März 1921 ist trotz ihres stolzen
Ergebnisses ein trauriges Kapitel in der Geschichte
unseres Vaterlandes. Der 20. März ist ein
auch nach 80 Jahren ein bedeutender Gedenktag
für uns, auch dazu angetan, all der vielen
Menschen zu gedenken, die in jenen schweren Tagen
mit Leib und Herz uneingeschränkt zu Deutschland
standen. Viele von ihnen haben ihre deutsche Treue
mit dem Leben bezahlt, viele haben schwere Einbußen
an ihrem Besitz erlitten, alle haben Jahre hindurch
in ständiger Sorge um sich und ihre Angehörigen
leben müssen.
Michael Ferber
verwendete Literatur:
Groeger, Alfred Carl; 50 Jahre Abstimmung Oberschlesien;
1977
Mende, Erich; Der Annaberg und das deutsch-polnische
Verhältnis; 1991
Mizia, Stefan; Geschichte Schlesiens – ein
Abriß; 1999
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