Schlesien, das Land an der oberen und mittleren
Oder, hat keine natürliche Grenzen,
es ist geworden durch die Geschichte. In
der Mitte Europas gelegen, ist es von Natur
aus ein Durchgangsland, da auch die Gebirge
im Südwesten kein Verkehrshindernis
waren.
Nach Bodenfunden wohnen seit mehr als 70.000
Jahren Menschen in diesem Land. Aber die
Namen der Bewohner Schlesiens kennen wir
erst aus der Zeit um Christi Geburt. Es
waren Nordgermanen, Wandalen, von denen
ein Teil bis Nordungarn, (Slowakei) gezogen
war. Die in Schlesien mehrere hundert Jahre
siedelnden Wandalen sind die Silingen, so
genannt nach dem Mittepunkt, dem Siling-Berg
(Zobten). Daher rührt der lateinische
Name Silesia, deutsch Schlesien, polnisch
Slask (sprich Schlonsk), tschechisch Slezk.
Im Zuge der Völkerwanderung zog ein
Großteil der Wandalen 406 über
Südfrankreich nach Spanien, von da
429 nach Nordafrika. Das dort bestehende
mächtige Wandalenreich wurde nach 120
Jahren vom oströmischen Reich zerstört.
Für 500 Jahre versank das Land in
Geschichtslosigkeit. Wir wissen, dass um
600 Slawen an der Saale auftauchten. So
wie die Slawen bis zur Elbe und zum oberen
Main gekommen sind, müssen sie auch
Schlesien besiedelt und sich dort wohl mit
den zurückgebliebenen Wandalen verschmolzen
haben. Auf der „Völkertafel des
bayerischen Geographen“ (vor 900)
erscheinen vier voneinander unabhängige,
durch dichte Waldungen getrennte Stämme,
die Dedositzen beim späteren Glogau,
die Slensanen bei Breslau, die Opolanen
bei Oppeln und die Golensitzen bei Leobschütz/Troppau.
Nun beginnt die Geschichte Schlesiens,
die sich merkwürdigerweise in Zeitabschnitten
von jeweils ungefähr 200 Jahren abgespielt
hat.
In Böhmen herrschte von 894 bis 921
der Przemyslide Wratislaw. Er gründet
an der Oder beim späteren Breslau eine
Burg, nach ihm Wratislawia genannt. Aus
diesem lateinischen Namen ist Breslau, polnisch
Wroclaw geworden, tschechisch noch heute
Wratislaw. Etwa um diese Zeit muss in der
Gegend des späteren Posen ein Staatsgebilde
entstanden sein, das von dem Fürstengeschlecht
der Piasten beherrscht wird, die 400 Jahre
lang das daraus entstandene Polen regiert
haben. Der erste bekannte Piast (in den
lateinischen Urkunden Misica oder Miseko
oder auch Dago genannt, 963-992), heiratet
eine böhmische Prinzessin (Enkelin
von Wratislaw) und lässt sich 966 taufen.
Diese „Taufe Polens“ ist der
Beginn des polnischen Staates. 990 beginnt
er einen Krieg gegen Böhmen, den sein
Sohn Boleslaw Chrobry (Boleslaus der Tapfere)
(992-1025) siegreich beendet und Schlesien
gewinnt. Boleslaus (nach dem Vater und Bruder
seiner böhmischen Mutter genannt) war
ein gewaltiger Eroberer und blieb bis heute
Nationalheros der Polen. Im Jahre 1000 wird
vom Kaiser Otto III. das Erzbistum Gnesen
gegründet, ihm unterstellt die Bistümer
Breslau und Krakau. Nach dem Tode von Boleslaus
wandelt sich das Bild, Böhmen gewinnt
Schlesien zurück und weitere Gebiete.
Das Schicksal Schlesiens ist wechselhaft.
Der Streit zwischen Böhmen und Polen
wird beendet durch den „Pfingstfrieden
von Glatz“ 1137. Schlesien wird polnisch,
nur die Grafschaft Glatz und das Gebiet
von Troppau, Jägerndorf, Leobschütz
und Hultschin bleibt bei Böhmen bzw.
Mähren.
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