
Vor zehn Jahren, als noch niemand voraussehen
konnte, was aus Deutschland und aus uns deutschen
Heimatvertriebenen würde, haben wir in unserer
Charta - von unseren erwählten Vertretern
unterzeichnet und verkündet - vor Gott und
der Welt erklärt, was wir erlebten, was wir
dachten und was wir erstrebten.
Millionen Menschen mußten zu dieser Zeit
noch um die einfachsten und im Leben des einzelnen
doch entscheidenden Dinge bangen und kämpfen,
um ein Dach über dem Kopf, um Arbeit, um
Brot.
Die geistig-moralische Not jener Zeit seit 1945,
das soziale und wirtschaftliche Chaos, in das
wir, unseres eigenen Willens beraubt, hineingetrieben
wurden, ließen uns nicht verzweifeln. Wir
wurden nicht zum sozialen Sprengkörper im
politischen Spannungsfeld Europas.
Die Prüfungen und das Leid, das wir - wie
heute Millionen Menschen anderer Völker -
tragen mußten, prägten die festen,
unverrückbaren Grundlagen unserer damaligen
und gegenwärtigen Haltung. Wir wollen auch
jetzt und künftig wie ehedem in die Heimat
zurück. Wir sehen keinen Anlaß, unsere
Haltung zu ändern, um so mehr wir glauben,
die Pflichten, die wir in der Charta auf uns nahmen,
nach bestem Wissen und Gewissen beim Wiederaufbau
Deutschlands und Europas erfüllt zu haben.
Wir anerkennen die Leistung des deutschen Volkes
im Überwinden der Notstände. Sie stellt
aber keineswegs die abgeschlossene Erfüllung
der von uns vor zehn Jahren erhobenen sozial-wirtschaftlichen
Forderungen dar.
Dem in manchem hektischen wirtschaftlichen Aufstieg
der Bundesrepublik, den wir zwar als Lebensmöglichkeit
der Bevölkerung würdigen, stehen wir
kühl gegenüber, weil wir auch dessen
Schattenseiten deutlich erkennen.
Die Not unserer Tage wird besonders klar an der
noch immer nicht überwundenen Zerreißung
Deutschland, an der Unfreiheit unserer Schwestern
und Brüder jenseits des Eisernen Vorhangs
und an der Tatsache, daß noch immer mehr
als hundert Millionen Menschen anderen Volkstums
ostwärts von Deutschlands Grenzen wehrlos
einem Terrorregime ausgeliefert sind.
In der Charta erklärten wir ein geeintes
Europa, in dem die Völker ohne Furcht und
Zwang leben können, als eines unserer grundlegenden
Ziele. Heute wissen wir, daß dieses Ziel
nur erreicht werden kann, wenn das in den Satzungen
der Vereinten Nationen proklamierte Selbstbestimmungsrecht
ohne Einschränkung allen Völkern zugestanden
wird.
Wir bekennen uns daher heute erneut und feierlich
zu den vor zehn Jahren in der Charta der deutschen
Heimatvertriebenen aufgestellten Grundsätzen.
Um ihrer Verwirklichung willen müssen wir
heute fordern:
- Das durch das internationale Recht und die
Satzung der Vereinten Nationen verbürgte
Selbstbestimmungsrecht hat für alle Völker
zu gelten, also auch für das deutsche Volk.
Seine Verwirklichung darf nicht Interessen anderer
Staaten geopfert werden.
Jedes Volk in der Welt muß das Recht haben,
in voller Freiheit seine eigenen Werte zu bewahren,
zu entwickeln und dadurch seinen Beitrag zur
Kultur der Menschheit zu leisten.
- Die Wiedervereinigung aller durch Willkür
und Gewalt voneinander getrennten Teile Deutschlands
ist trotz aller Hemmungen und trotz aller Widerstände
herbeizuführen. Dafür einzutreten
und einzustehen, ist den deutschen Heimatvertriebenen
ernsteste Verpflichtung.
In diesen Grundsätzen erblicken die deutschen
Heimatvertriebenen die wichtigste Voraussetzung
für einen dauerhaften und beglückenden
Frieden in der Welt. Nur in ihm können sich
Freiheit und Würde des Menschen behaupten.
Ihm zu dienen, ist unser aller Aufgabe.
Stuttgart, 6. August 1960
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